Kein Unterschied zwischen Flucht und Vertreibung

Seit 2015 beherrscht ein Thema die europäische Gesellschaft: Die Migrationspolitik. Die Frage um den richtigen Umgang mit dieser Problematik spaltet Familien, Gesellschaften und ganze Länder. Neue Bewegungen wir AfD, PEGIDA, Identiäre schüren Hass und Angst, indem sie eine alternative Realität von Großem Austausch, reichen Asylanten und eine Islamisierung des Abendlandes kreieren. Die verantwortlichen Politiker ermüden sich in endlosen Debatten um Obergrenzen, Ankerzentren, Grenzschließungen und Rückführungen. Derweil schwindet die europäische Solidarität, indem die südlichen Staaten Griechenland, Italien und Spanien – wirtschaftlich selbst in einer Krise – von den wirtschaftlich stärkeren Ländern des Nordens in Sachen Flüchtlinge kaum Unterstützung erfahren. Rettungsschiffe werden kriminalisiert und Gerettete in Nordafrika eingesperrt. Über all diese Fragen, die sich in diesem Zusammenhang stellen, wird nur allzu schnell etwas Elementares vergessen: Es geht nicht um Nationalitäten, nicht um Zahlen, sondern um Menschen, die dazu gezwungen wurden, in einem fremden Land ein neues Leben zu beginnen.

Oft hört man den Vorwurf, dass lediglich eine Vertreibung erzwungen, eine Flucht jedoch eine freie Entscheidung des Betroffenen sei. Diese menschenverachtende Sichtweise wird noch heute an Schulen und Universitäten gelehrt und gilt als gesellschaftlicher Konsens. Dies suggeriert jedoch, dass sich Flüchtlinge zwischen Flucht und Bleiben entscheiden, wie man sich auch für einen Urlaub auf Mallorca oder Ibiza entscheidet. Aber Flucht und Vertreibung sind sich ähnlicher als es propagiert wird. Das soll an zwei Beispielen deutlich gemacht werden.

Beispiel 1 – Tschechoslowakei 1946

Das Land verfügt über eine große nationale Minderheit, die Deutschen. Seit dem Mittelalter kamen sie in das Land und besiedelten vor allem die Randgebiete Böhmens und Mährens. Über Jahrhunderte lebten sie mit den Tschechen zusammen, selbst nach der nationalen Erweckung der Völker im 19. Jahrhundert. Nach der Unabhängigkeit der Tschechoslowakischen Republik 1918 lebten die Deutschen weiterhin im Land, sie waren – obwohl sie zahlenmäßig stärker waren als die Slowaken – keine gleichberechtigte Bevölkerungsgruppe, sondern lediglich eine Minderheit mit eingeschränkten Rechten. Angesichts der Unerfahrenheit mit einer bürgerlichen Demokratie und der Aufgabe des Wiederaufbaus nach dem Ersten Weltkrieg, lebten Tschechen, Slowaken und Deutsche im Grunde ihr altes Leben als Bauern, Arbeiter, Handwerker und Händler weiter. Aber die Deutschen waren 1938 das Einfallstor Hitlerdeutschlands in die Tschechoslowakei. 1938 wurde das Sudetengebiet, also die von deutsch besiedelten Randgebiete, annektiert. 1939 folgte dann die Zerschlagung der Rest-Tschechei, die nun das Protektorat Böhmen und Mähren bildete. Es folgten Unterdrückung, Zwangsarbeit, Deportationen, Morde. Der Krieg hinterließ auch hier Spuren. 1945 ging es erneut an den Wiederaufbau und noch waren die Deutschen im Land. Aber die neue Benesch-Regierung hatte nun den Entschluss gefasst, dieses Problemvolk zu vertreiben. Man stelle sich vor, eine deutsche Familie sitzt gerade am Mittagstisch, als plötzlich die tschechoslowakische Polizei die Haustür einschlägt und mit vorgehaltener Waffe in der Küche steht. Der Polizist stellt den Familienvater praktisch vor die Wahl: Entweder bekommt die Familie 20 Minuten Zeit, um ihre Sachen zu packen und sich auf dem Marktplatz zu sammeln oder er wird auf die Straße geführt und erschossen…

Beispiel 2 – Syrien 2011

Bis zu diesem Jahr galt das Land als stabil und geordnet; im Nahen Osten durchaus eine der wenigen Ausnahmen. Ein Konflikt zwischen den verschiedenen Religionen bestand nicht. Syrien war weltoffener als Saudi-Arabien und der Oman, demokratischer als Jordanien und Kuwait und vor allem sicherer als die Türkei und der Libanon. Eingeklemmt zwischen den Konflikten in Palästina und dem Irak war die syrische Gesellschaft liberal, es gab Frauenrechte und soziale Sicherheiten. Im Zuge der Aufstände in der arabischen Welt gingen auch in Syrien die Menschen auf die Straße, angestachelt durch die wichtigsten Nachrichtenportale des Internets: Facebook und Twitter. Gesteuert wurden diese Nachrichten jedoch durch das imperialistische Ausland, allen voran der USA, die mehrere Regimechanges in der Region anstrebte. In Tunesien, Libyen, Ägypten und dem Jemen hatte diese Strategie auch Erfolg. Anders in Syrien, wo sich besonders Russland und der Iran für die Stabilisierung einsetzen. Es begann ein blutiger Bürgerkrieg, der bis heute andauert. Befeuert wird dieser Konflikt durch das völkerrechtswidrige Handeln des Westens und des Einmarsches der Türkei im Norden, weiter streben die Kurden im Osten eine Autonomie bis hin zur Unabhängigkeit an, während Russland weite Teile des Landes von den Islamisten des Islamischen Staates befreite. Es sei nun eine Familie in Aleppo: Der Mann arbeitet als Büroangestellter, die Frau in einem Laden und die beiden Kinder gehen in die Schule. Ihr Leben ist geregelt und sie haben sich einen gewissen Wohlstand erwirtschaftet. In dieser Situation denkt natürlich niemand an eine Ausreise nach Europa. Durch den Krieg aber werden das Büro des Vaters als auch der Laden der Mutter zerstört. Die sich bildende Freie Syrische Armee beschlagnahmt zudem die Schule der Kinder und macht sie zu ihrem Hauptquartier. Die Versorgungslage verschlechtert sich immer weiter und ein Ende des Krieges ist nicht in Sicht. Nun steht dieser Familienvater vor der Wahl zwischen der Ausreise in sicherere Länder, vorwiegend Europa oder dem Weiterleben seiner Familie in Krieg und Elend…

Fazit

Man erkennt, dass die Vertreibung im Beispiel 1 als erzwungen wahrgenommen wird, weil man den Menschen bei der Wahl ihrer Entscheidung das Offensichtliche unterstellt, also das Leben. Allerdings bestand auch die Möglichkeit, im eigenen Land zu sterben. Es gab durchaus auch Fälle, in denen Menschen sich für den Tod in der Heimat entschieden.

Die Entscheidung zur Flucht im Beispiel 2 hätte sich andererseits nicht gestellt, wäre nicht durch höhere Gewalt der Krieg ins Land gekommen. Die Familie hatte ein ordentliches Leben und wurde nun zur Entscheidung gezwungen.

Beiden Beispielen gemeinsam ist der Faktor der äußeren Umstände. Der einzige Unterschied besteht darin, dass die Frage zu gehen oder zu bleiben entweder vom Betroffenen selbst (der syrische Familienvater) oder von einem anderen (der tschechoslowakische Polizist) gestellt wird. Somit besitzen Flucht und Vertreibung den Doppelcharakter der erzwungenen Entscheidung. Es existiert damit quasi kein Unterschied zwischen Flucht und Vertreibung. Die äußeren Umstände mögen vielfältig sein, aber die Reaktion sollte stets dieselbe sein: Hilfe und Solidarität!

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